Spezialistentum oder Ganzheitliche Medizin?

(von Dr. Miguel Corty Friedrich)

Immer wieder werde ich gefragt, was die unterschiedlichen Ergebnisse zu Röntgenuntersuchungen, Blutanalysen oder Scannern zu sagen haben. Täglich schickt mir ein Patient neue Ergebnisse und möchte wissen, ob das nun “gut” oder eher “schlecht” ist.

Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass man seinem Kopf nicht befehlen kann, den Körper zu heilen. Es geht einfach nicht. Es gibt Patienten, die betreiben das reinste Therapeuten-Nomadentum: Sie wandern von Arzt zu Heilpraktiker mit ihrem Problem, in der Hoffnung, “den Richtigen” zu finden. Wieder andere betreten grundsätzlich kein Krankenhaus und lassen sich nicht gern von Maschinen untersuchen.

Die perfekte Mischung liegt, wie immer, irgendwo in der Mitte. Eine vernünftige Grunduntersuchung mit einer Befundaufnahme, mit der man eine Therapie planen kann, ist heutzutage unerlässlich, dazu gehören auch maschinell erhobene Befunde.

Das Gegenteil von “Integrativer oder Ganzheitlicher Medizin” ist leider das moderne Spezialistentum. Gerade suchte ich die schulmedizinische Prognose für das Uterussarkom und seinen FIGO Status. Da ging mir auf, dass auch ein Onkologe, wenn er nicht gerade auf gynäkologische Krebsarten spezialisiert ist, vermutlich kaum spontan Ahnung davon haben wird.

Vielleicht beschäftigt er sich mit urologischer Onkologie, oder ist zuständig für Kopf oder Bauch – Onkologie, während die Blutkrebse von einem Hämatologen behandelt werden.

Dabei möchten die Patienten nach dem aktuellen Stand der Erkenntnis behandelt werden, und in den meisten Gremien soll die “S3 Leitlinie” zum Einsatz kommen, was ja auch stets aktualisiert werden muss. Mit anderen Worten: In der Schulmedizin existiert eine natürliche Trennung zwischen dem Wissen der Einen und dem der Anderen, das zum einfachen Satz “Teile und Herrsche” führt! Wie will selbst ein Onkologe wissen, was die beste Therapie für einen Krebspatienten ist, wenn er die Natur seiner Patienten samt deren sonstigen Leiden nicht kennt. Auch das berühmte Tumorboard weiß nicht, wie sich Chemo- oder Strahlentherapie beim  konkreten Einzelfall auswirken wird.

Daher ist es nur logisch, dass kein Patient von seinem Onkologen verlangen kann, ihn auch noch komplementärmedizinisch zu beraten, oder ihn noch besser gleich ein Banerji Protokoll ™  machen zu lassen. So einen seltsamen Vogel wie einen “ganzheitlich denkenden Arzt” kann es kaum geben, denn fast alle Menschen müssen sich für ein Teilwissen entscheiden. Integratives Denken ist aber das krasse Gegenteil vom Teilwissen. Dementsprechend braucht es sehr viel Zeit die Puzzlestücke zusammenzusetzen, die Labordiagnostik, bildgebende Verfahren, Onkologie und Allgemeinmedizin geliefert haben.

Doch ist das Bild erstmal fertig, kommen ganz neue Aspekte zum Tragen: In erster Linie kann man finden, dass entsetzlich viele Krankheiten, besonders gern die chronischen, einen wesentlichen Bezug zum Empfinden, zur Psyche, zu den individuell unterschiedlich geschaffenen Lebensumständen haben. Krankheit und Gesundung haben offenbar wenig Bezug zur Logik, wohl aber zum Emotionalen!

Viele Befunde, Analysen, CT und NMR Scans machen niemanden gesund, es ist nur eine Hilfestellung. Gesund macht eine gesunde Lebenseinstellung. Doch manchmal verstellen Ängste, Sorgen, Zwang und schwerer Verlust dem Menschen den Weg zu einem lebenswertem Leben. Vielleicht gehört es zu den schwersten Dingen im Leben überhaupt, die Einstellung zu den Dingen beim Patienten zu ändern, aber genau das macht den Unterschied zwischen Behandeln und Heilen.

Heute bin ich davon überzeugt, dass Rationalität den Menschen nicht gesünder macht, positive Emotionen jedoch durchaus.

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